Schere und Nadel
Eines Tages kündigte sich hoher Besuch im kleinen, schlichten Haus des Weisen Farid an. Der König, der schon viel von Farids Güte und seinem klaren Geist gehört hatte, wollte dem alten Lehrer seine Wertschätzung erweisen.
Trotz des prächtigen Palasts, in dem er lebte, spürte der König seit einiger Zeit eine Leere in sich, und er hoffte, in Farids Worten einen Funken von Wahrheit und innerem Frieden zu finden.
Als der König eintrat, verneigte er sich respektvoll.
In seinen Händen hielt er eine kunstvolle Schatulle aus dunklem Sandelholz. Er öffnete sie langsam und enthüllte ein prachtvolles Geschenk: eine Schere aus reinem Gold, deren Griffe mit fein geschliffenen Diamanten besetzt waren.
Die Edelsteine funkelten im Licht der Nachmittagssonne, als wollten sie den gesamten Raum mit ihrem Glanz erfüllen.
„Meister Farid“, sagte der König feierlich, „…nimm diese Schere als Zeichen meiner Hochachtung.
Sie ist das Werk des besten Goldschmieds meines Reiches und besitzt grossen Wert. Möge sie dir dienen.“
Farid nahm die Schere vorsichtig in die Hand.
Seine Augen ruhten einen langen Moment darauf, als wolle er nicht nur ihren äusseren Glanz betrachten, sondern auch ihre Bedeutung.
Der König wartete gespannt, denn ein solches Geschenk hatte er noch nie jemandem gemacht.
Schliesslich lächelte Farid mild, schloss die Schatulle und reichte dem König die kostbare Schere zurück.
„Herr, ich danke dir für deine Grosszügigkeit“, sprach er leise. „Ich erkenne den Wert dieser Gabe, und ich sehe die gute Absicht, die du in ihr trägst. Doch ich kann sie nicht annehmen.“
Der König runzelte verwundert die Stirn.
„Warum nicht? Ist sie dir nicht wertvoll genug?
Sag einfach, was du stattdessen wünschst, und ich werde es dir bringen.“
Farid schüttelte den Kopf. „Es geht nicht um Wert im Sinne des Goldes. Wenn du mir wirklich etwas schenken möchtest, dann gib mir eine einfache Nadel.“
„Eine Nadel?“, wiederholte der König fassungslos. „Das verstehe ich nicht. Nadeln sind alltäglich, beinahe wertlos.
Eine Schere ist weit kostbarer. Und ausserdem – wenn du eine Nadel brauchst, brauchst du doch ebenso eine Schere.“
Farid hob die Schere noch einmal kurz an, drehte sie im Licht und legte sie dann endgültig zurück in die Schatulle. „Scheren, mein König,“ sagte er ruhig, „…schneiden Dinge entzwei. Sie trennen Stoffe, sie teilen, was zuvor zusammen war. Eine Nadel jedoch tut das Gegenteil: Sie fügt das, was auseinandergerissen ist, wieder zusammen.
Sie heilt den Riss, verbindet, was getrennt wurde.“
Er sah dem König tief in die Augen.
„Ich habe mein Leben der Liebe gewidmet.
Und Liebe ist wie eine Nadel – sie wirkt still, unscheinbar, doch sie schafft Einheit.
Sie bringt Menschen zusammen, heilt Wunden, überbrückt Gräben.
Eine Schere, so kostbar sie auch sei, steht für Trennung.
Und das ist nicht das, was ich lehre, noch das, was die Welt am meisten braucht.“
Der König nahm die Schere wieder in seine Hände und spürte ein Gewicht in ihr, das nicht von Gold oder Diamanten kam, sondern von Bedeutung und Erkenntnis.
Dann legte er die Schere behutsam in die Schatulle zurück und schloss sie.
„Farid“, sagte er, „du hast mir heute mehr geschenkt, als ich dir jemals hätte bringen können. Ich danke dir.
Von nun an will ich mehr darauf achten, zu verbinden, statt zu trennen.
…in meinen Worten, in meinen Taten – und vor allem – in meinen Gedanken!“
Original-Geschichte: Autor unbekannt – abgeänderte, neue Version von Kireja